Grundzüge der Logik
Aristoteles, Frege und die Grenzen der Kontextfreiheit
Die Logik beginnt bei Aristoteles. Ihr zentraler Begriff ist die
Deduktion (sullogismos). Eine Deduktion ist eine Rede
(logos), in der sich aus bestimmten Voraussetzungen mit
Notwendigkeit etwas von ihnen Verschiedenes ergibt.1
A deduction is speech (logos) in which, certain things having been
supposed, something different from those supposed results of necessity
because of their being so. (Aristoteles, Prior Analytics I.2,
24b18–20)
Jedes der „Vorausgesetzten“ ist eine Prämisse (protasis).
Das, was sich mit Notwendigkeit ergibt, ist die Konklusion
(sumperasma). Der Kern ist die Idee des „Sich-Ergebens aus
Notwendigkeit“ (ex anankes symbainein).2
Das entspricht dem modernen Begriff der logischen Konsequenz:
X folgt genau dann aus Y und Z, wenn es unmöglich ist, dass X falsch ist,
während Y und Z wahr sind. Ein Argument ist demnach gültig, wenn diese
Bedingung erfüllt ist.
Logik und natürliche Sprache
Logik untersucht Gesetze des Wahrseins. Ein zentrales Beispiel (Frege):
Wenn die Sätze A₁, …, Aₙ wahr sind, muss auch der Satz A wahr sein.
Solche Gesetze ergeben sich aus der Bedeutung der logischen Ausdrücke
der Sprache, in der die Sätze formuliert sind.3
Nun ist die Bedeutung natürlicher Sprache oft nicht völlig klar. Deshalb
untersucht die klassische Logik künstliche Sprachen mit klaren logischen
Ausdrücken. Aus ihnen kann man etwas über Eigenschaften
natürlichsprachiger Sätze lernen.
Kritisch anzumerken ist: Die Trennung in „klare künstliche“ und
„vage natürliche“ Sprache ist eine Idealisierung. Auch formale
Sprachen sind nur relativ zu Axiomen, Modellen und Belegungen
interpretierbar. Es gibt keinen voraussetzungslosen Standpunkt.4
Aussagesätze, Fragen, Bitten, Ausrufe
Nicht jede Äußerung ist wahrheitsfähig. Beispiele:
- „Hat das Spiel schon angefangen?“ – Frage; der Ausdruck „wahr“ ist hier nicht anwendbar.
- „Zeigen Sie mir bitte, wo das Postamt ist.“ – Bitte / Aufforderung.
- „Schon wieder Manchester!“ – Ausruf; es ist sinnlos zu fragen, ob er wahr ist.
- „Ouch!“ – Affektausdruck.
Ein Satz wie „Letzte Saison war Leicester City englischer Meister“ ist
dagegen wahr oder falsch – aber wichtig ist, wann die Aussage
gemacht wird.5
Indexikalität und Kontext
Indexikalische Ausdrücke sind z. B.: heute, morgen, letztes Jahr,
hier, dort, links von mir, ich, mein Vater, du. Ihr Bezug ergibt
sich erst durch den Äußerungskontext (Zeitpunkt, Ort,
Person).6
- „Karl Valentin wurde in dieser Stadt geboren.“ – nur in München wahr.
- „Ich habe in München studiert.“ – nur für bestimmte Personen wahr.
- „Heute ist Dienstag.“ – je nach Äußerungskontext manchmal wahr, manchmal falsch.
Der Wahrheitswert hängt also vom Äußerungskontext ab. Die klassische
Logik erkennt das an, behandelt das aber als Randphänomen. Tatsächlich
ist Kontextabhängigkeit der Normalfall, nicht die Ausnahme.
Historische Referenz und Anachronismus
Karl Valentin wurde 1882 in der Unteren Isargasse 45
geboren – so hieß die Straße damals. Heute heißt sie
Zeppelinstraße 41. Ein Dokument von 1900 mit der
Angabe „Zeppelinstraße“ wäre ein Anachronismus und damit ein
Fälschungsindiz.7
Konsequenz: Wahrheit ist nicht nur kontext-, sondern auch
zeitabhängig. Die Logik muss historische Referenz explizit
machen, sonst führt sie zu falschen Schlüssen.
Widerspruch als Bedeutungsebene
In natürlicher Sprache können Widersprüche Bedeutung transportieren.
Beispiel:
„Der verheiratete Junggeselle, der er immer gewesen war, war jetzt
geschieden. Im Grunde war er nie verheiratet.“
Diese Sätze sind nicht falsch – sie spielen mit verschiedenen
Bedeutungsebenen (juristisch, sozial, emotional). Parakonsistente
Logiken (da Costa, Priest) formalisieren solche Fälle. Die
klassische Logik hat kein Werkzeug dafür und muss sie als Fehler
verwerfen.8
Axiome als Kontext
Auch die Mathematik hat keinen kontextfreien Boden. „2 + 2 = 4“ ist
wahr relativ zu den Peano-Axiomen. In der 2-elementigen
Arithmetik (mod 2) gilt 2 + 2 = 0. In parakonsistenten Logiken kann
„F und nicht F“ gleichzeitig gelten, ohne Explosion.9
immer systemrelativ. Es gibt keinen voraussetzungslosen Standpunkt.
Vagheit und Grenzfälle
Was heißt „blond“? Grenzfälle, Farbwahrnehmung, kulturelle Normen.
Was heißt „krank“? Diagnose, Schweregrad, medizinischer Maßstab.
Was heißt „groß“? Relativ zu welcher Vergleichsklasse?10
Fuzzy-Logik, Supervaluationismus und Gradsemantiken sind Versuche,
Vagheit zu formalisieren. Die klassische Logik kann sie nicht abbilden.
Pragmatik und Implikatur
„Ich habe in München studiert“ – wo genau? Die Antwort „München“ ist
wahr, aber nicht vollständig. „Ich habe in Schwabing studiert“ – nur
wahr, wenn es die LMU war, nicht die TUM in Neuhausen.11
Grice: Konversationelle Implikaturen tragen Bedeutung, die
nicht wörtlich gesagt wird. Vollständigkeit ist keine logische,
sondern eine pragmatische Kategorie. Die Logik muss beides
unterscheiden.
Fazit
Die klassische Logik ist als Einführung nützlich, aber sie stellt eine
methodische Idealisierung als Tatsache dar. Die Behauptung, es gebe
Aussagesätze, deren Wahrheit unabhängig von Äußerungsumständen ist,
ist selbst kontextabhängig – sie hängt von der Entscheidung ab, die
klassische Logik als die Logik zu setzen.
Kontextfreiheit gibt es weder in der natürlichen Sprache noch in der
Mathematik. Ohne Axiome – ohne Kontext – gibt es keine Wahrheit, nur
Zeichen.
Wer das ignoriert, übersieht Anachronismen, Indexikalität, Vagheit und
historische Variabilität. Wer es ernst nimmt, gewinnt ein reicheres
Bild von Sprache, Bedeutung und Wahrheit.
Fußnoten
- Aristoteles, Prior Analytics I.2, 24b18–20; vgl. Stanford
Encyclopedia of Philosophy, Artikel Aristotle’s Logic.
↩︎ zurück - Der Begriff sullogismos umfasst bei Aristoteles mehr als
die moderne „Deduktion“: Er meint jedes gültige Schließen, nicht
nur die syllogistische Figur.
↩︎ zurück - Gottlob Frege, Begriffsschrift (1879); ders.,
Grundgesetze der Arithmetik (1893/1903).
↩︎ zurück - Vgl. W. V. O. Quine, Two Dogmas of Empiricism (1951):
Die Unterscheidung analytisch/synthetisch ist selbst nicht
haltbar.
↩︎ zurück - Vgl. H. P. Grice, Logic and Conversation (1975):
Der Wahrheitswert einer Äußerung hängt auch von der
kommunikativen Absicht ab.
↩︎ zurück - Vgl. D. Kaplan, Demonstratives (1989); H. Kamp,
A Theory of Truth and Semantic Representation (1981).
↩︎ zurück - Karl Valentin, geboren am 4. Juni 1882 in München; die
Geburtsadresse lautete damals Untere Isargasse 45,
heute Zeppelinstraße 41.
↩︎ zurück - Vgl. G. Priest, In Contradiction (1987); N. da Costa,
On the Theory of Inconsistent Formal Systems (1974).
↩︎ zurück - Vgl. G. Peano, Arithmetices principia (1889);
zur Modul-Arithmetik: elementare Zahlentheorie.
↩︎ zurück - Vgl. L. Zadeh, Fuzzy Sets (1965); K. Fine,
Vagueness, Truth and Logic (1975).
↩︎ zurück - Vgl. H. P. Grice, Logic and Conversation (1975);
zur Relevanztheorie: D. Sperber & D. Wilson,
Relevance (1986).
↩︎ zurück

